Aktuelles
Fokus «trotz allem»
2025 hat «Zürich liest» das Fokusthema «trotz allem».
Ein Nachmittag im Januar. Wir verlassen das Festivalbüro an der Quellenstrasse mit einem Ziel: Wir brauchen ein Thema für die Jubiläumsausgabe von «Zürich liest». Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Brainstorming, vielleicht noch in einer Buchhandlung vorbeischauen, uns inspirieren lassen. Eine schöne und lustvolle Aufgabe – easy also, oder?
«Was beschäftigt dich gerade so?», frage ich. «Schon vor allem die Weltlage. Alles ziemlich düster.» «Mhm, geht mir auch so.» Einige Minuten werfen wir mit Katastrophen um uns: Ukraine, Gaza, Trump, Musk, Flucht, Armut, Ungleichheit, Backlash. Im Letten müssen wir uns schon das erste Mal auf eine Bank setzen. Ich notiere: Krisen, Grenzen, Wandel, Zwiespalt. Gar nicht mal so lustvoll.
Die Limmat rauscht, wir schweigen. So wird das nichts. Wir sind uns einig: Wir wollen kein Literaturfestival organisieren, ohne über die aktuelle Weltlage zu sprechen. Aber wie?
Mein Blick fällt auf einen Sticker, der vor uns auf dem Geländer klebt: «Wir trotzen.» Ein Kleber des Kollektivs «Trotz phase» – Fachpersonen in der Kinderbetreuung, die sich für faire Arbeitsbedingungen und öffentliche Anerkennung einsetzen. Auch das landet auf meinem Notizzettel.
Eine Woche später bringen wir unsere Sammlung in die Programmkommission – und damit beginnt ein intensiver Aushandlungsprozess. Wir schreiben neue Zettel, verwerfen, diskutieren, gewichten. Worum geht es wirklich? Was brauchen wir – und was braucht das Publikum? Am Schluss stehen noch zwei Begriffe da: Trotz und Mut. Und die fühlen sich gut an.
Und so heisst das Thema von «Zürich liest’25»: «trotz allem». Es ist eine Anerkennung der Weltlage voller Krisen, Umbrüche und Unsicherheiten. Und ein Blick auf die Bedingungen, unter denen Literatur entsteht – Menschen schreiben unter widrigsten Umständen. Vor allem aber ist es eine Einladung: Trotzen wir gemeinsam! Verteidigen wir, was uns am Herzen liegt – Demokratie, Menschenrechte, Freiheit. «Trotz allem» ist ein Aufruf zu Widerstand, eine Ermutigung hinzuschauen, zuzuhören, weiterzudenken, mutig und hartnäckig zu werden und bleiben. Mit politischen Sachbüchern, einem Workshop gegen die Ohnmacht, Gesprächen über Trotz in Literatur und Musik – und natürlich vielen Büchern, die trotz allem Hoffnung machen.
Wir freuen uns darauf, lustvoll mit Ihnen zu trotzen!
Für die Programmkommission: Arlette Graf
Einen herzlichen Dank an Migmar Dolma und Michelle Akanji für ihre Inputs und ihre Energie. Danke an die Trotzphase für das wichtige Engagement und für den Sticker im Letten.